Spürt man hier schon den Klimawandel?

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(This article is also available in English).

Wie sieht die Zukunft für Avocado, Cashew und Kaffee aus? Eine kürzliche Publikation über die Folgen des Klimawandels für alle drei Kulturen erfreute sich einer grossen Medienresonanz. Die Studie basiert auf Berechnungen mit CONSUS, einem mit unserer Unterstützung entwickelten Agrarplanungsprogram. Im zweiten Beitrag* über die Studie reden wir mit Experten, die nicht direkt an den Untersuchungen beteiligt waren. 

Was hat die Syngenta Stiftung dazu bewogen, diese Kollaboration mit der ZHAW einzugehen?
Dominik Klauser (1): Das Thema und diese Kollaboration sind primär aus zwei Gründen wichtig. Erstens wird der Klimawandel einen grossen Einfluss auf die Landwirtschaft haben. Wie und wo wird man künftig welche Nahrungsmittel anbauen? Für die Antworten braucht die Welt gute Modelle und präzise Informationen zu etlichen Themen. Der zweite Grund ist, dass sich die Datengrundlage in den letzten Jahren wesentlich verbessert hat. Heute haben wir gute öffentliche Daten zu Bodenqualität und -struktur, Klima und Landnutzung. Dazu gibt’s auch die Klimamodelle des IPCC. Wir wollten schauen, ob wir all diese Daten nutzen können, um zuverlässige Zukunftsszenarien zu erstellen. Eines der Ergebnisse dieser Arbeit ist die kürzlich veröffentlichte Studie

Die Stiftung fokussiert in ihrer neuen Strategie auf «Climate-Smart Resilient Agriculture». Wie hilft die Studie, diesen Fokus praktisch umzusetzen?
Für uns bedeutet «klimaklug», dass wir helfen, die langfristige Produktivität und Resilienz der kleinbäuerlichen Landwirtschaft zu fördern und gleichzeitig deren Umwelt-‘Fussabdruck’ zu verringern. Langfristige Szenarien, was, wo und wie angebaut werden kann, bilden zusammen mit gesellschaftlichen Trends die Grundlage für wichtige Entscheidungen. Dazu gehört zum Beispiel: Auf welche Pflanzensorten und Interventionen muss man in Zukunft setzen, um Agrarsysteme in den nötigen Dimensionen nachhaltig zu verbessern? Auch für unsere Stiftung ist diese Frage sehr wichtig: Wir sind gerade dabei, langfristige lokale Schwerpunkte auf Basis unserer neuen, globalen Strategie zu definieren.

Warum haben ZHAW und die Stiftung den Studienfokus auf Kaffee, Avocado und Cashew gelegt? 
Für mich gibt’s vier Gründe. Die Züchtungszyklen dauern zwischen 15 und 20 Jahren. Jetzige Entscheidungen und Investitionen haben also erst ab 2035 praktische Folgen «im Feld». Der Klimawandel ist aber in vielen Anbaugebieten heute schon spürbar! Es ist also höchste Zeit, die Nachhaltigkeit dieser Kulturen zu sichern. Zweitens sind alle drei Kulturen mehrjährig; ihr Anbau erfordert grössere Investitionen. Es braucht Setzlinge statt Saatgut; das macht das Vermehren zeitintensiv und teuer. Danach vergehen fünf bis zehn Jahre mit wenig Ertrag und mangelhafter Qualität. Es braucht also Finanzierungsmodelle, um gerade Kleinbauern die nötigen Änderungen zu ermöglichen.

Drittens sind aber Kaffee, Avocado und Cashew wichtige Einkommensquellen für Kleinbauern. Das Ertragspotenzial ist gross, die Nachfrage steigt weltweit und die Preise liegen normalerweise deutlich höher als z.B. für Reis oder Mais. Hat man nur wenig Anbaufläche, sind diese Kulturen gute Optionen. Viertens wollten wir Firmen in diesen Zulieferketten ansprechen, damit sie bei den nötigen Veränderungsprozessen aktiver werden. Gerade in der Schweiz gibt es etliche Firmen, die auf Rohstoffe wie Kaffee angewiesen sind. Wir würden gerne Partnerschaften mit solchen Firmen eingehen, um langfristig produktive und nachhaltige Anbausysteme zu unterstützen.

Die Stiftung ist in Basel daheim. Sie hat bereits mehrere Partnerschaften mit Schweizer Organisationen, auch im Forschungsbereich. Was sind die Besonderheiten einer Forschungszusammenarbeit «vor der Haustür»?
Ein Teil davon ist sicher der Heimvorteil. Man spricht die gleiche Sprache, kann sich regelmässig treffen. Zudem kenne ich durch meine eigene Ausbildung das System sehr gut. Ich glaube allerdings, dass sich Schweizer Forschende teilweise zu Unrecht «verstecken». Die landwirtschaftliche Forschung hierzulande ist breit, über diverse Institutionen aufgestellt und von hoher Qualität! Ich sehe aber noch Potenzial bei einem vermehrten Fokus auf Innovation anstelle von Forschung. Viele Forschungsergebnisse landen «nur» in Publikationen und nicht auf dem Feld. Sie bleiben also im Elfenbeinturm. Gerade in der Landwirtschaft finde ich das schade, da Innovation in vielen Disziplinen dringend nötig ist.

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Ein Kaffee-Röster nimmt seine Zunft in die Pflicht
Als Kaffee-Anbauer, -Importeur, -Röster und -Verkäufer: Was dachten Sie, als Sie diese Studie lasen? 
Philipp Schallberger (2): Ich bin sehr froh, dass die Konsequenzen des Klimawandels für den Kaffee weiterhin thematisiert werden. Für uns in der Branche bestätigt die Studie einiges, was wir bereits wussten. Wie der Erstautor im Interview sagte: Neues habe er eher über Avocado und Cashew zu berichten. Aber für viele Menschen ist die Studie auch bei Kaffee ein Augenöffner.  

Was ändert der Klimawandel für Kaffee-Konsument/innen? 
Kurzfristig nichts. Aber mittelfristig tut sich einiges. Das gilt vor allem für die Sensorik im oberen mittleren Preissegment. Diesen grossen ‘Geschmacksmarkt’ dominieren heute Kaffees aus Vietnam und Brasilien – und genau diese zwei Länder wird’s der Studie zufolge heftig treffen. Probleme sehe ich vor allem in Vietnam, weil dort viele Böden ziemlich abgenutzt sind. Die Bodengesundheit hat einen grossen Einfluss auf den Kaffeequalität und -quantität.  

Das heisst: steigende Preise für eine gute Tasse Kaffee?
Die Kaffeepreise werden weiter steigen, auch für weniger gute Tassen. Aber das hat im Moment nicht primär mit dem Klimawandel zu tun, sondern eher mit den Arbeitskosten. Kaffee zu pflücken ist sehr mühsam. In wichtigen Produktionsländern wie Kolumbien, Mexiko, Nicaragua oder Costa Rica wird es immer schwieriger, Arbeitskräfte zu rekrutieren, die Kaffee pflücken wollen. Meine Firma zum Beispiel bezahlt Pflücker heute zum Teil das Fünffache der noch vor wenigen Jahren üblichen Löhne. 

Aber längerfristig wird der Klimawandel auch preislich eine Rolle spielen...? 
Ja. Die globale Erwärmung bedeutet für den Kaffeeanbau: immer höhere Lagen und immer weiter weg vom Äquator. Aber der dafür verfügbare Platz ist beschränkt. Vor allem kleine Länder nah am Äquator haben wenige Ausweichmöglichkeiten. Das heisst: Einige Anbauregionen werden mehr oder weniger ersatzlos verschwinden, wodurch sich das Angebot verknappt. Allerdings wird vor allem in Brasilien und Vietnam weiterhin intensiv produziert. Das sollte einhergehen mit neuen resistenten und ertragsreichen  Hybriden, was die Abnahme zumindest teilweise wieder aufhebt.

Die Studie der ZHAW hat Arabica-Kaffee unter die Lupe genommen. Trinken wir in 30 Jahren alle nur Robusta? 
Im Wort «nur» schwingt etwas Abwertendes mit, was unberechtigt ist. Mindestens ein Journalist hat vorgeschlagen, dass die nächste Klimastudie Robusta untersuchen sollte! Sie ist eben (klima)-«robuster», aber definitiv kein hässliches Entlein. Die Welt trinkt jetzt schon viel davon. Heute deckt Arabica nur etwa 55% der Produktion ab. Kreuzungen der beiden werden bald noch wichtiger, als sie ohnehin schon sind. Und die Auswahl könnte noch grösser sein: Robusta ist nur eine von vielen Sorten der Kaffee-Art Canephora. Wenn man ihr genau so viel Achtung und Präzision schenkt wie vielen Arabica-Kaffees, entstehen schöne, weiche Produkte. Ja, die aromatische Vielfalt ist begrenzter als bei Arabica, aber heute besser als bei der konventionellen Handhabung. Und haptisch feine Robusta ist am Kommen, zum Beispiel aus Ecuador, Guinea oder Indien.

Wo besteht sonst noch Nachholbedarf im Kaffeesektor?
Bei uns Röstern. Wir spielen bei weitem die stärkste Scharnierrolle am Markt. Beim Einkauf könnten wir von rund 12,5 Millionen Produzent/innen Bohnen beziehen. Im Laden oder Restaurant können Konsument/innen selten aus mehr als zehn Kaffees auswählen. Mein Aufruf an die Röstereien ist also: Investieren Sie in die langfristige Zukunft dieser wunderbaren Kultur. ‘Luft nach oben’ sehe ich zum Beispiel in der Agroforstwirtschaft. Röster sollten in Vorkasse gehen für die Ernte, da Kaffeeproduzenten nur einmal im Jahr Geld verdienen. Weiter lohnen sich Investitionen in die Forschung, in Bäume, die Schatten spenden sowie in Projekte, die Wasser sparen helfen und die Biodiversität fördern. Aber Investitionsbedarf besteht auch bei Handhabungsprozessen nach der Ernte, ebenso wie im Bio-Bereich. 

Kohlendioxid erwähnen Sie gar nicht...
Treibhausgase und sonstige Emissionen sind in der Landwirtschaft wichtige Themen. Ich stelle aber in der Kaffeebranche einen gewissen «CO2-Tunnelblick» fest. Kompensationsgeschäfte sind à la mode, Reduktionsbemühungen werden rasch belohnt. Aber in meinen Augen gibt’s in diesem Sektor dringendere Aufgaben. Kreditengpässe sind kein besonders sexy Thema, aber für Kleinbauern mit einer einzigen Ernte im Jahr matchentscheidend. Bodenqualität und Fachkräftemangel habe ich schon erwähnt. Und Kaffee steht auch weiteren Herausforderungen gegenüber, beispielweise im ‘Gender’-Bereich. An den grossen CO2-Schrauben können andere Bauern viel wirksamer drehen. 

Wie wird sich Ihr eigener Job in den kommenden Jahren ändern?
Einiges wird gleich bleiben: Ich und tausende Kolleg/innen weltweit werden weiterhin mit grosser Sorgfalt und Freude schöne Kaffees machen. Eng damit verbunden werden wir auch zu besseren Erzählern passender Geschichten. Aber wie angetönt werden wir zusätzlich immer mehr zu Investoren – und nicht nur in den Kaffee. In einigen Regionen wird klimabedingt schon die nächste Generation keinen Kaffee mehr anbauen können. Vor allem dort müssen wir zur Diversifizierung der Wirtschaft und der Schaffung neuer Arbeitsplätze beitragen. Da stehen wir Röster in der Verantwortung. 

1) Dominik Klauser leitet unseren Bereich Forschung & Entwicklung
2) Philipp Schallberger ist Geschäftsführender Gesellschafter von Kaffeemacher GmbH

*Der erste Beitrag war ein Interview mit dem Hauptautor der Studie.